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Sozialcharaktere gestern und heute

Eine graphologische Gegenüberstellung am Beispiel von „autoritärer Persönlichkeit“ (Adorno) und „antiautoritärer Persönlichkeit“.

„ Ein Mensch ist stets wie alle anderen, wie einige andere und wie kein anderer.“

Der autoritäre Charakter, das war das Schreckgespenst vor allem der siebziger Jahre. In diesem Begriff floß all die Mißbilligung, die Abneigung und geradezu der Ekel einer opponierenden Generation zusammen. Der „autoritäre Charakter“, das war Ursache und Wirkung zugleich, das war der Grund alles Schrecklichen, eine Art neuer Mythos des Bösen. Schon seine bloße Nennung machte einen schaudern und frösteln. Dieser Sozialtypus, so glaubten viele, hatte das dritte Reich erst möglich werden lassen, hatte den Faschismus erst zu sich selbst geführt und stand für all das, was man verabscheute: Bevormundung, Reglementierung und empfundene Unfreiheit.

Die Sozialwissenschaften stürzten sich voll Wonne in die Beschreibung einer Persönlichkeitsstruktur, die man einerseits als Erklärung für geschichtliche Schuld und sozialpsychologisches Versagen und andererseits als willkommenes Vehikel zur Generierung einer Antithese betrachtete.

"Wesentlich für die Starrheit des totalitären Charakters ist dessen Autoritätsgebundenheit - die blinde, verbissene, insgeheim aufmuckende Anerkennung alles dessen, was ist, was Macht hat. Nachdruck wird gelegt auf jeweils geltende konventionelle Werte, wie äußerlich korrektes Benehmen, Erfolg, Fleiß, Tüchtigkeit, physische Sauberkeit, Gesundheit und konformistisches, unkritisches Verhalten. Durchweg denken und empfinden solche Menschen hierarchisch. Sie unterwerfen sich der idealisierten moralischen Autorität der Gruppe, zu der sie sich selbst rechnen (...) und stehen allemal auf dem Sprung, den, der nicht dazu gehört, oder von dem man glaubt, er stehe unter einem, unter allerhand Vorwänden zu verdammen." (M. Mitscherlich)

Kennzeichen der „autoritären Persönlichkeit“ nach Adorno:

  • Konventionalismus (starre Bindung an konventionelle Werte des Mittelstandes)
  • Autoritäre Unterwürfigkeit (unkritische Unterwerfung unter idealisierte Autoritäten)
  • Autoritäre Aggression (Menschen, die konventionelle Werte mißachten, werden bestraft)
  • Abwehr des Phantasievollen, Sensiblen, Subjektiven – über Gefühle wird nicht gesprochen
  • Aberglaube und Stereotypie
  • Machtdenken und Kraftmeierei
  • Destruktivität und Zynismus
  • Sexualität (übertriebene Beschäftigung mit sexuellen Vorgängen)

Eine ganze Generation wehrte sich in einer Art kollektiver Adoleszenzkrise gegen diesen in der Generation der Väter vermuteten Sozialtypus und betrieb über den symbolischen Vatermord Identitätsarbeit. Der Mechanismus war einfach, bewährt und effektiv. Die Herabsetzung des anderen bewirkt gleichsam automatisch die Selbsterhöhung. Je tiefer der andere sinkt, desto höher steigt der Herabsetzende. Die unbewußte Bindung an jenen verteufelten Sozialcharakter war indes so stark, daß die sogenannte 68ziger-Generation sich nie wirklich von ihm lösen konnte. Über allem schwebte als beständige Fratze des Bösen der autoritäre Charakter. Er wurde geradezu ritualhaft immer wieder heraufbeschworen. Bei allen Entwürfen anderer Gesellschaftsformen lag er wie ein Dämon in der Luft und alles schien durch seine gedachte Nähe mit dem Keim des Verächtlichen infiziert.

Kennzeichen der antiautoritären Persönlichkeit

Es ist kein Zufall, daß alle Versuche und Bemühungen jener Zeit, einen anderen und besseren Menschen zu schaffen, ständig um jenen Charakter kreisten, ständig jene Persönlichkeit mitdachte, die man als das Negative an sich ausgemacht hatte. Schon die Begriffe „antiautoritäre Erziehung“, „antiautoritärer Charakter“ oder „antiautoritäre Gesellschaft“ legen diese Affinität nahe.

Die „antiautoritäre Persönlichkeit“ ist der gedachte und nie wirklich konsequent vollzogene Gegenentwurf zum „autoritären Charakter“. Es gab in den siebziger Jahren eine ganze Menge von Ansätzen und Entwürfen, die jedoch nie über den bloß antithetischen Rahmen hinausgekommen sind. Von daher ist es auch schwierig, eine genaue Definition des antiautoritären Charakters zu liefern.

Im Grunde handelt es sich aber um eine recht diffuse Grundeinstellung, die ihre Kraft und Perspektive vor allem aus der Ablehnung seines Gegenpols bezieht.

  • Ablehnung eines Konventionalismus (Gegen bestehende Normen wird bewußt und „lustvoll“ verstoßen - mit der Neigung ein derart pubertär anmutendes Trotzverhalten als revolutionär zu interpretieren.)
    - Ablehnung von Autoritäten (Alles Autoritäre scheint verdächtig.)
    - Antiautoritäre Aggression (Menschen, die konventionelle Werte beachten, werden geringgeschätzt, belächelt oder als Faschisten verdächtigt. Menschen, die konventionelle Werte mißachten, werden bewundert.)
  • Aberglaube und Stereotype (Glaube an das Gute im Menschen. „Die Gesellschaft ist an allem schuld“. „Erziehung vermag alles“. „Alle Menschen sind gleich“ usw. Hier unterscheiden sich beide Charaktere wenig.)
  • Ablehnung von Machtdenken und männlichen Attributen (Kinder sollen geschlechtsneutral erzogen werden, um die klassischen Rollenbilder aufzulösen. Bevorzugung eines verbalen Erziehungsstils.)
  • Destruktivität (Der antiautoritäre Charakter ist im eigentlichen Sinne destruktiver als der autoritäre. Letzterer will bewahren, will einen Zustand der Bindung und Unterwerfung unter das Bestehende in ein recht starres Korsett aus Normen und Werten. Ersterer will kritisieren, will gegen Normen verstoßen und keine Autorität anerkennen, will alles hinterfragen und in Frage stellen. Schon das Idiom „Anti“ ist Symbol des Destruktiven.)
  • freie Sexualität (Dem Ideal nach soll der antiautoritäre Charakter zu einer freien und gelösten Sexualität fähig sein. In der Praxis gibt es keine Belege dafür, daß dies mehr als ein Mythos, mithin ein Aberglaube (siehe oben) ist.

Beide Charaktere sind im Grunde bei nüchterner und distanzierter Betrachtung recht eigentlich nicht mehr als eine ideologische Fiktion.

Den autoritären Charakter, wie von Adorno beschrieben, gibt es in dieser Reinform nicht, und es hat ihn nie gegeben - jedenfalls nicht als gesellschaftliches Massenphänomen. Ebensowenig hat es je die Antithese, jenen erhofften und kompensatorisch ersehnten antiautoritären Charakter gegeben. Jenes sozialpolitische Heilsversprechen hat nie wirklich den Weg aus den Köpfen seiner geistigen Geburtshelfer herausgefunden. Es handelte sich eher um ein ideologisches Konstrukt, um ein utopiehaftes Traumgebilde, das von den Realitäten anthropologischer Gebundenheiten völlig absieht.

Kurzum: Der autoritäre Charakter existierte eher in den Köpfen und Denkhöhlen einer chronisch adoleszenzhaften 68ziger Generation, und der antiautoritäre Charakter entsprang der idealisierenden Wunschvorstellung des ewigen Guten. Man wollte damit auch ein pädagogisches Parallelphänomen zum schalen, abstrakten, kalten und nüchternen Gleichheitsökonomismus sozialistischer Weltvorstellungen schaffen.

Aber selbst wenn es den antiautoritären Charakter in seiner Reinform (freie Sexualität, Gleichheit, Ablehnung von Autorität, Selbstbestimmung, etc.) nie gegeben hat, so sind doch Grundintentionen einer solchen pädagogischen Orientierung in den Zeitgeist eingeflossen und haben sozialpolitische Instanzen mehr oder weniger stark durchdrungen.

Zwar hat es ein „Summerhill“ nie wirklich als gesellschaftliche Alternative gegeben, zwar haben sich die alternativen Experimentierpädagogen nie ganz aus ihrer sektenhaften Kinderladenmentalität herausbewegen können, trotzdem haben sich wesentliche Elemente der antiautoritären Erziehung mit den Jahren durchsetzen können und sind durchaus erfolgreich in die Kinderzimmer der Familien eingezogen.

In der Tat dominiert heute vielfach ein eher verbaler, lasziver Erziehungsstil, der tendenziell grenzenlos oder doch grenzenarm ist und sich vielfach am kindlichen Lustprinzip orientiert. Normen und Wert werden nur noch rudimentär vermittelt. Autoritäten werden weitgehend abgelehnt. Es gibt immer weniger feste Strukturen im Alltag der kleinen Menschen. Selbst wenn die heutige Erziehung nicht sehr viel mit den Vorstellungen einer wirklich strukturierten antiautoritären Erziehung gemein hat, so kommt sie doch den wesentlichen Elementen erstaunlich nah. Alles orientiert sich vorwiegend am kindlichen Lustprinzip.

Man will, daß der Nachwuchs sich möglichst frei entwickeln kann, möchte wenig Grenzen setzen, die den vermuteten freien Selbstentwurf behindern könnten. Man bemüht sich um die Erfüllung, oft um die augenblickliche Erfüllung der infantilen Bedürfnisse. Man kauft bis der Keller überquillt, gibt dem Gequengel nach TV und Videospielen nach, sorgt für Abwechslung in der Abwechslung. Regelmäßige Essenszeiten, kontinuierliche Essenrituale, wiederkehrende gemeinsame Tätigkeiten, Zubettgehrituale und überhaupt feste Zeitenregelungen verlieren sich. Man kann schon sagen, daß Regeln, Normen und Werte, die bei der Herausbildung des autoritären Charakters eine Rolle spielten, sich immer mehr verlieren. An ihre Stelle treten Beliebigkeit und Unbestimmtheit, was wesentliche Elemente des Antiautoritären sind. Auch Grenzen, Vorschriften, Befehle, Anordnungen und deutliche Vorgaben gelten als unzeitgemäß. An ihre Stelle treten unverbindliche Aufforderungen, Betteleien und unklare Konjunktive.

Die unter Generalverdacht geratene Autorität und deren allmähliche Auflösung hinterläßt den dauergestreßten und um das Wohlverhalten seines Kindes bettelnden Erwachsenen.

Gegenüberstellung der beiden Sozialcharaktere
autoritärer Charakter
antiautoritärer Charakter
Anlehnung an bestehenden Normen
Ablehnung, Hinterfragen bestehender Normen
Betonung männlicher Eigenschaften Betonung weiblicher Eigenschaften
Geringschätzung des Unkonventionellen Geringschätzung des Konventionellen
Konservativismus Reformismus
ausgeprägte Frustrationstoleranz ausgeprägter Hedonismus
Sollen Wollen
enge Grenzen weite oder keine Grenzen
wenig Regeln, Normen und Werte wenig Regeln, Normen und Werte
eher hohe Frustrationstoleranz eher niedrige Frustrationstoleranz

 

 

Schriftzeichen
autoritärer Charakter
antiautoritärer Charakter
Winkel, Arkade
Faden, Girlande
regelmäßige Schrift unregelmäßige Schrift
magere Schrift volle Schrift
gute Raumaufteilung schlechte Raumaufteilung
gerader Rand,
gerade Zeilenführung
schwankender Rand,
schwankende Zeilenführung
eher enge Schrift eher weite Schrift
steife, starre Schrift lockere Schrift
Striatumschrift (Pophal) PallidumSchrift (Pophal)

Selten trifft man den antiautoritären Charakter derart deutlich ausgeprägt an wie in dem folgenden Beispiel:

Schlechte Raumaufteilung, Unregelmaß und schwankende Linienführung sind Ausdruck der mangelnden inneren Disziplin und ebenso der nahezu nicht vorhandenen Frustrationstoleranz.

Die riesigen ausufernden Unterlängen verweisen auf ein dominantes Unbewußtes, dessen Impulse kaum gebremst werden können. Triebe, Bedürfnisse und Gelüste brechen sich nahezu ungehindert Bahn. Das Lustprinzip herrscht vor.

Wichtigstes Zeichen für den antiautoritären und mehr lasziven Typen ist die unregelmäßige Verteilung im Raum, ist die mangelnde Struktur. Linienführung, Abstände und Ränder erscheinen schwankend, wellenförmig oder auch extrem eng.

Nicht selten sieht man einen kaum vorhandenen rechten Rand, an den die Wörter förmlich gepreßt erscheinen, als könne der Schreiber (oben ist es eine Schreiberin, 18 Jahre) kaum loslassen, als fehlte die Distanz (man beachte auch den engen Zeilenabstand). Hierin gibt sich die Unfähigkeit zu Selbstbeschränkung und Selbstdisziplin zu erkennen.


Fadenbindung und tendenzielle Unleserlichkeit finden sich als Merkmal von Eile und Ungenauigkeit, gepaart mit Ungeduld und wie oben zu geringer Selbstdisziplin. Wenngleich an dieser Stelle angemerkt werden muß, daß Selbstdisziplin nicht unbedingt ein Merkmal des Antiautoritären ist. Dies ist mehr die mangelnde Frustrationstoleranz. Aber ohne Selbstdisziplin keine Frustrationstoleranz. Denn letztere ist die Voraussetzung für erstere. Ohne die Fähigkeit auch von Zeit zu Zeit etwas tun zu können, was als langweilig und wenig ansprechend empfunden wird, läßt man sich treiben und tut nur das, was Spaß macht, aber seltener das, was man eigentlich müßte.

Die Schrift des autoritären Typus macht hingegen einen geordneten Eindruck. Hier ist ein gewisses Regelmaß auf den ersten Blick erkennbar. Die Schrifthöhe schwankt nicht oder doch kaum, die Ober- und Unterlängen haben eine in etwa gleichbleibende Höhe. Ist die Schrift lotrecht oder linksschräg, so unterstützt, so unterstützt das noch die Interpretation, ist es doch ein Hinweis auf die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen und abzuwarten, also Distanz vorwalten zu lassen.

Linksschrägheit oder Lotrechte sind aber kein Muß, um Elemente des Autoritären zu offenbaren.

Die zu starre Schrift deutet ein übermäßiges Vorwalten gehaltener Strukturen an. Im oberen Beispiel ist dann noch die extreme Arkadenbildung bedeutsam. Hier schottet sich jemand nahezu von seiner Umwelt ab, erscheint indolent, unempfindsam, als könne er nahezu alles über sich ergehen lassen.

Günstiger ist da schon eine Schrift, die leicht rechtsschräg aber geordnet, klar strukturiert und regelmäßig daherkommt. Sie verweist auf eine Persönlichkeit mit einer inneren Gerichtetheit und Klarheit und Ordnung. Wenngleich auch im vorliegenden Fall das Regelmaß eine Tendenz zum Übermaß hat, was die Gefahr einer gewissen Starrheit und Unflexibilität in sich birgt. Im Unterschied zur vorangegangenen Schrift dominiert aber die Girlande als Bindungsform. Empathie und Offenheit kommen als positive Elemente hinzu.


 

Auch die enge, winklige Schrift ist eher dem autoritären Charakter zuzuordnen. In nahezu jedem graphologischen Standartwerk erscheint eine Schriftprobe von Bismarck wie oben. Er sei hier denn auch als Beispiel für den autoritären Charakter angeführt.

Daß man vergleichbare Schriften heute unter den jungen Menschen immer seltener findet, hat gar nicht so viel mit der Schulvorlage zu tun, also damit, daß die alte Sütterlinschrift per se winkliger als die gegenwärtige Normschrift ist. Vielmehr ist es eher der Zeitgeist, ist es die zunehmende Indifferenz, welche die geraden, klaren und selbstgewissen Linien zu Gunsten von unklaren, undeutlichen, wechselhaften und richtungsschwankenden Formen minimiert.

Hinzu kommt, daß die bemerkenswerte Enge der Bismarckschen Schrift auf Hemmungen und Ängste verweist, die als negative Komponente beim autoritären Charakter gehäuft zu finden sind, gleichsam als Nebenwirkung eines dominierenden Über-Ichs. In positiver Hinsicht ist die Enge aber auch ein Merkmal der Gehaltenheit, der Zurücknahme und Kontrolle ansonsten nur schwer kontrollierbarer Impulse, besonders, wenn die Schrift rechtsschräg, groß und lebhafter erscheint und also eher auf einen aktiveren Menschen verweist, auf jemanden, der Impulsivität, Dominanz und Initiative ausstrahlt. Dann zeigt die Enge an, daß diese Person sich selber Zügel anzulegen weiß und dieses auch unbedingt tun muß.

Links zum Thema:

http://www.bambiona.de/thema/antiautoritaere-erziehung

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